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Umfrage unter selbstständig tätigen Frauen: Gewerbefläche halten oder kündigen?

Gewerbeflächen in Wien

Welche Folgen haben die Covid-19 Maßnahmen auf Wiener Gewerbeflächen von Einzel- und Kleinstunternehmen?

Dieser Frage ging imGrätzl bei der dritten anonymen Umfrage Ende des Sommers (01.08.2020 bis 21.08.2020) nach. In dieser Umfragerunde haben wir ausschließlich selbstständig tätige Frauen befragt. Es nahmen 58 Frauen teil, die eine Gewerbefläche in Wien angemietet haben bzw. hatten.

Umfrage-Teilnehmerinnen

Rund 67% der Umfrageteilnehmerinnen sind EPU, 17% Neue Selbstständige bzw. Freiberufliche, die restlichen Künstlerinnen, Kleinstunternehmen (max. 9 Mitarbeiter*innen) oder Vereine.

62% sind in Vollzeit selbstständig tätig, 10% Teilzeit ohne andere Erwerbsquellen und 21% Teilzeit mit anderen Erwerbsquellen. 

Die Branchen der Teilnehmerinnen sind vielfältig – hier einige Beispiele: Unternehmensberatung, Grafikdesign, Ballettunterricht, Eventmanagement, Therapie, Gesundheit, Massage, Lebensmittel, Handel, Handwerk, Shiatsu, Fotografie, Lebens- und Sozialberatung, Humanenergetik, Familienberatung, Tourismus, Bildung, Videoproduktion, Yoga, Fitness, Physiotherapie.

Gewerbefläche, halten oder kündigen?

Fast 57% der Umfrageteilnehmerinnen sind Hauptmieterinnen einer Gewerbefläche. Rund 35% nutzen regelmäßig externe Räume zum Arbeiten (via Nutzungsverträge, Untermiete oder temporärer Einmietung).

In der ersten Gewerbeflächen Umfragerunde Anfang April waren es noch 74% der Umfrageteilnehmer*innen, die beabsichtigen ihre Gewerbeflächen zu halten, bei der zweiten Umfrage lag der Wert bei 72%.

In der aktuellen Umfrage ist der Wert um 2 % gefallen: 70% wollen ihren Raum/Platz zum Arbeiten halten, 30% der Teilnehmerinnen sind sich nicht sicher, wie lange sie ihren externen Platz/Fläche zum Arbeiten noch halten können oder sie haben ihn bereits gekündigt. 

Finanzielle Situation der Umfrageteilnehmerinnen

Umsatzeinbußen: 9% haben keinerlei Umsatzeinbußen zu verzeichnen. 77% der Umfrageteilnehmerinnen haben Einbußen. Etwa 9% haben seit März gar keine Einnahmen mehr.

Staatliche Unterstützung: 64% der Umfrageteilnehmerinnen haben seit März um staatliche finanzielle Unterstützung angesucht, 36% haben dies nicht getan. Von den 64%, die angesucht haben, erhielten 37% ausreichend Unterstützung, 42% weniger als benötigt und 21 % der Ansuchen wurden abgelehnt.

Wie es gelingt, die Gewerbefläche zu halten: Fast 40% finanzieren ihre Räume zum Arbeiten über Einnahmen, etwas über 20% über staatliche Zuschüsse, rund 15% über eigene Rücklagen und 10% durch das Teilen ihres Raumes. 

Zum Vergleich die Zahlen von der zweiten Umfrage im Juni 2020: Da finanzierten 30 % der Teilnehmer*innen ihre Gewerbefläche noch über eigene Rücklagen, nur 5 % decken mithilfe der staatlichen finanziellen Unterstützung ihre Miete. Knapp 23 % begleichen ihre Miete mithilfe aktueller Einnahmen.

Daraus kann man ablesen, dass die Einnahmesituation nicht mehr ganz so drastisch wie im Juni ist. Wir hätten aber erwartet, dass die staatlichen Zuschüsse bei der jetzigen Runde bei mehr Teilnehmer*innen eine Rolle spielt und einen größeren Finanzierungsteil ausmacht. Auch, weil nun genug Zeit vergangen ist und die Maßnahmen greifen müssten.

Zusätzliche Aufgaben (z.B. Betreuungspflichten)

Da bereits einige Studien die Auswirkungen der Covid-19 Maßnahmen auf nichtselbständig tätige Frauen und die zusätzlichen Betreuungspflichten beleuchtet haben, wollten wir nachfragen, wie es den selbstständig tätigen Frauen ergangen ist.

43% der Umfrageteilnehmer*innen haben zusätzliche Aufgaben im Haushalt bzw. Pflege- und Betreuungspflichten übernommen. Davon gaben 61% an, dass es Auswirkungen auf ihre selbstständige Tätigkeit hat/hatte und 30% sagten sogar, dass sie dadurch deutlich weniger Zeit für ihre selbstständige Tätigkeit hatten. 39% sagten, dass die zusätzlichen Betreuungsaufgaben keine Auswirkungen auf ihre selbstständige Tätigkeit hat(te).

Von den 43 %, die zusätzliche Aufgaben übernommen haben, gaben mehr als die Hälfte an, dass sie dadurch weniger Einnahmen haben, 20% haben deutlich weniger bzw. keine Einnahmen mehr.

Deutlich mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmerinnen mussten bei ihrer selbstständigen Tätigkeit zurückstecken, weil sie zusätzliche Betreuungsaufgaben übernommen haben. Das hatte auch Auswirkungen auf ihre Einnahmen.

Was würde bezogen auf die Gewerbefläche jetzt unterstützen?

  • am häufigsten wurde genannt: Mietreduktion oder Zuschuss zur Miete
  • zusätzliche Untermieter*innen, Mitnutzer*innen
  • eine größere Auswahl an günstigen Gewerbeflächen und mehr Flexibilität (unter 3 Monate Bindung)

Konnten die Umfrageteilnehmerinnen der Krise auch positive Aspekte abgewinnen?

90 % der Teilnehmerinnen haben angegeben, dass sie der Krise auch positive Seiten abgewinnen konnten. Am häufigsten wurde genannt: mehr Ruhe, Zeit und Muße. In den O-Tönen wird außerdem sichtbar, dass die Entschleunigung ein guter Nährboden für Innovation, Kreativität und berufliche Weiterentwicklung ist.

Hier die O-Töne:

Persönliche Aspekte:

  • Entschleunigung allgemein
  • ja: Entschleunigung, mehr Zeit und Ruhe. Viel Zeit mit den Kindern
  • kein Stress und diese unglaubliche Ruhe
  • mehr Zeit für mich
  • Entschleunigung, Zeit zum Hinterfragen, Neuausrichtung
  • ja, weniger unterwegs sein
  • Ruhe
  • Durchaus, die Ruhe, die Entschleunigung war wirklich fein. Weniger Verkehr auf den Straßen,die Verminderung der Arbeitszeit, weil ich teilweise die Geschäftszeiten sehr eingeschränkt hatte.
  • Da die Kinder schon ausgezogen sind: weniger Stress im Alltag
  • Akzeptanz, ganz viel Akzeptanz :)
  • mehr Zeit mit der Familie, Verlangsamung, neue Wertigkeiten
  • Innehalten, Reflexion
  • nochmals persönlich weiterentwickelt, interessant mich in der Krise zu beobachten, mehr Zeit für mich, Freunde, Familie und Sport
  • Ja, die Erkenntnis daß meine Kinder auch unter schwierigen Bedingungen ganz gut klarkommen. Ich also beruflich nicht mehr so viel zurückstecken werde.
  • Ruhe, Rückzug, Familienzeit
  • Mehr Zeit für mich selbst
  • Mehr Ruhe in Wiens Straßen, mehr Vögelgezwitscher, mehr Bewegung und auch teilweise wenn grad keine finanziellen Sorgen und Zukunftssorgen da waren, mehr Muße zum Kochen und mehr Zeit zum Essen gehabt, Zusammenwohnen (ökonomisch rettend) ausprobiert und fein gefunden.
  • Ich hatte Zeit Arbeiten zu erledigen, für die ich sonst nie Zeit habe
  • Entschleunigung, Rückzug, mehr auf sich selbst besinnen
  • mehr Ruhe, mehr Zeit für mich selber
  • Mehr Ruhe, weniger Stress durch d sehr getakteten Abläufe sonst (6 Uhr aufstehen, Kind 1 wecken etc, Kind 2 wecken etc, in d Schule, Arbeit, einkaufen etc). Wäre das Homeschooling organisierter gewesen, es wär richtig ok gewesen!
  • Zeit für mich und meinen Sohn
  • Mehr Ruhe, weniger Freizeitstress, Reduktion von selbst auferlegten aber eigentlich unnötigen Pflichten
  • Mehr Zeit, freiere Zeiteinteilung
  • Mehr Zeit für mich
  • Innenansichten

Berufliche Aspekte

  • Neu: Habe Videos für SchülerInnen gemacht und Unterricht über Skype. Kommt gut an!
  • Ausbau und Erweiterung des Businesses in bestimmte Richtungen, die man sonst immer schleifen hat lassen;
  • Mehr Außenauftritt und Komm. in sozialen Medien
  • Neue Angebote kreiert, Online Kurse, spannende neue Kontakte
  • Individuelle Arbeit steht für mich nach wie vor im Mittelpunkt….online ist nur um mich halten zu können
  • Die einen sudern und betteln und warten, die anderen machen. Ich mache (was anderes, aber trotzdem Artverwandtes), und es funktioniert.
  • Online Arbeiten gelernt
  • Ich hatte Freiraum für Kreativität und weniger Leistungsdruck
  • Neue Ideen, neue Projekte
  • Online Kommunikation
  • Ein Reset – Überlegen, was und wie ich weitermachen möchte. Was mir nicht mehr passt, wie ich es in Zukunft haben will. Hoffnung, dass mehr Leute umdenken in Sachen Klimaschutz.
  • Ja, wir haben dadurch unseren Onlineauftritt erweitert und ein neues Angebot geschaffen, das wir wahrscheinlich dauerhaft aufnehmen.
  • Ich konnte online ausbauen
  • im Kulturbereich haben sich spannende Projekte für mich ergeben, die sonst so nicht stattgefunden hätten
  • durch Gratis-Beratungen konnte ich vielen Menschen helfen – das ist meine Grundintuition
  • Ja, ich habe meine Prioritäten überdenken können, eine neue Gewerbefläche angemietet die zwar kleiner ist und weniger Möglichkeit für Kundenkontakt bietet, dafür aber sehr viel günstiger und näher an meinem Wohnort liegt.
  • Ich habe mit 1.2.20 gegründet – anfangs habe ich an 3 unterschiedlichen Orten gearbeitet – 2 mussten coronabedingt Konkurs anmelden – jetzt bin ich eigentlich froh, nur einen Standort für meine Arbeit zu haben.
  • Umgang mit neuen Medien
  • Beweglichkeit in jede Richtung

Beobachtungen bei Kund*innen bzw. Partner*innen:

  • Die Kunden waren verständnisvoller
  • Ja zu sehen dass es nichts bringt von elnem Termin zum anderen zu hetzen, es hat sich auch rauskristalisiert welche Kooperationspartner/Netzwerke stabil/fair sind und wer nur auf den eigenen Vorteil aus ist. konnte einige Partnerschaften verstärken.
  • Die Sicht unserer Kunden hat sich verändert. Sie denken regionaler!
  • Die Kunden schätzen den kleinen Händler ums Eck. Regionale Produkte bekommen wieder mehr Bedeutung und Wertschätzung. Ich hoffe das bleibt auch so!

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