1150 Wien, Vorgestellt
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„Ich habe hier mein persönliches Bermudadreieck gefunden“

Vor über zwanzig Jahren, direkt nach der Schule, kam Claudia Wohlgenannt vom beschaulichen Dornbirn nach Wien, um in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen. Heute hat sie sich die „Grätzlisierung“ des Nibelungenviertels in Rudolfsheim-Fünfhaus auf die Fahnen geheftet. Wie es dazu kam, erzählt diese Geschichte.

Kurz nach ihrer Ankunft in Wien begann Claudia in der Filmbranche zu arbeiten. Was 1997 am Set für Spielfilmproduktionen seinen Anfang nahm, führte schließlich 2012 zur Gründung der Plan C Filmproduktion, die sich auf Dokumentarfilme spezialisiert hat. Aktuell wird der Film Was wir nicht sehen in ausgewählten Kinos gezeigt (Infos unter www.plancfilm.com, ab Mai 2016 als DVD erhältlich) „Das wirklich Tolle an solchen Produktionen ist, dass man, resultierend aus einer bloßen Idee auf dem Papier mit anderen Menschen ein rundes Projekt machen kann. Das ist wie mit einem Teigklumpen, den man gemeinsam so lange bearbeitet, bis er passt“, erzählt Claudia.

Seit fünfzehn Jahren lebt sie im Nibelungenviertel, also im Grätzl hinter der Stadthalle. Seit vier Jahren residiert sie mit Plan C am Kriemhildplatz. „Ich liebe mein Büro. Durch die großen Fenster ist man mittendrin im Leben“, gerät Claudia ins Schwärmen. Die Nähe zwischen Wohnung und Büro verkürzt die Wege, die Kinder besuchen bzw. besuchten Kindergärten und Schulen in der unmittelbaren Umgebung. Mit den Inhabern der umliegenden Geschäfte kam sie rasch in Kontakt. „Ich habe hier mein persönliches Bermudadreieck, aus dem ich ganz selten herauskomme“, sagt Claudia heute.

graetzlgalerie_frontDass heute unter der Adresse Kriemhildplatz 10 wesentlich mehr als einfach nur das Büro einer Filmproduktionsfirma residiert, hat auch mit der gegenüber befindlichen Buchhändlerin zu tun. „Sie hat damals gemeint, dass ich hier ruhig auch ein bisschen Action machen soll, damit sich was im Grätzl tut. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich bemühen werde“, blickt Claudia zurück. „Ab dem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass hier was geht, obwohl es eigentlich eine klassische Wohngegend ist.“ Im Jahr 2012 startete Claudia die erste „Action“. Eine ihr bekannte Malerin wusste nicht wohin mit ihren Bildern, also hängte Claudia einige ihrer Werke einfach an ihre noch jungfräulichen Bürowände. „Wie es sich bei einer Ausstellung gehört, mussten wir dann natürlich auch eine Vernissage machen“, erklärt Claudia und schon war die erste Veranstaltung in der „Grätzlgalerie“ geboren. Es folgten eine Reihe weiterer Ausstellungen, die Claudia fortan gemeinsam mit Martin Wall und Wolfgang Schmid im eigens gegründeten Verein Grätzlgalerie organisierte. „Wir wollten damit die Kunst zu den Menschen bringen, die Durchlässigkeit erhöhen und zeigen, dass Kunst etwas mit unser aller Leben zu tun hat. Kunst ist nichts für Sonntagnachmittage, an denen man nicht weiß, was man mit der Tante Mizzi machen soll“, sagt Claudia. Es entstanden attraktive Rahmenprogramme und so machte sich die Grätzlgalerie schnell einen Namen.

Mit der Bekanntheit stiegen die Besucherzahlen und da die Galerie denselben Raum in Anspruch nahm, in dem Claudia auch ihrer Arbeit nachging, kollidierten Brotjob und Ausstellung immer öfter miteinander. „Und überhaupt“, erzählt Claudia rückblickend, „wollten wir mehr nach draußen gehen“. Die Folge war ein erstes Nachbarschaftspicknick, zu dem Freunde und Bekannte eingeladen wurden. Gemeinsam mit anderen Geschäftstreibenden wurde 2013 erstmals eine Schaufenster-Ausstellung organisiert, in der über die Herkunft der Namen für Nibelungenviertel und der durch das Grätzl führenden Straßennamen informiert wurde. „Das kam total gut an und hat gezeigt, dass Schaufenster auch heutzutage noch ein wichtiges Kommunikationsmittel sind“, sagt Claudia. Diesen Freitag (22. April, 19 Uhr) steht Teil 4 des Elektronik-Konzertzyklus Der Rote Ballon auf dem Programm. Und am 3. Juni findet das Fest der Nachbarschaft statt, das ursprünglich von den Wohnpartnern initiiert wurde, heuer aber zum ersten Mal von der Initiative rund um Claudia und den anderen fleißigen Grätzlbienen organisiert wird. Auch hier steht das Miteinander im Mittelpunkt: „Wir wollten nicht einfach irgendein Fest machen, sondern gemeinsam mit den Menschen etwas auf die Beine stellen“, erzählt Claudia und nennt als Beispiel die gemeinschaftliche Errichtung der ersten temporären Wiener City-Minigolfanlage, des Nibelungen Country Clubs. Im Sommer macht zudem das Volxkino zum ersten Mal auf dem angrenzenden Burjanplatz Station.

Und so entsteht dank des Engagements vieler fleißiger Hände im Grätzl rund um dem Kriemhildplatz eine Gemeinschaft, die die Menschen zusammenbringt und den Austausch fördert. „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen man manchmal das Gefühl bekommen kann, dass die Menschen den Umgang miteinander im wirklichen Leben verlernt haben, halte ich es für notwendig, Begegnungsräume zu schaffen“, sagt Claudia. Das Gefühl, den eigenen Lebensraum aktiv mitzugestalten und nicht nur passiv zu konsumieren, helfe dabei, der „immer wieder medial geschürten Angst und dem dadurch beförderten Gefühl der Machtlosigkeit und Ohnmacht etwas entgegenzusetzen“.

Nur einer von vielen positiven Effekten, den die einstmals in die Großstadtanonymität geflüchtete Dornbirnerin in ihrem Grätzl mittlerweile sehr zu schätzen weiß.

Koordinaten:
Grätzlgalerie
Kriemhildplatz 10
1150 Wien
Web: www.graetzlgalerie.at
Grätzlgalerie bei Facebook
Mail: wohlgenannt@graetzlgalerie.at
Tel.: 01/990 63 72

1 Kommentare

  1. Richard Plazzotta sagt

    Sich niederzulassen, wohlwollende Nachbarn zu finden und mit Einsatz was auf die Beine zu stellen, – und sich dabei auch mit anderen vernetzen : Das riecht nach Pioniergeist und kreiert Wohlfühlzonen. Kompliment. Urbanes Leben mit Gesicht und Handschrift. Weiter so.

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